Montag: Uppsala
Von der Rekreation ganz erschöpft, schliefen wir dann am Montag etwas länger, vor allem auch, weil uns kein Frühstück im Vandrarhem erwartete. Die Sonne trieb uns nicht nachdrücklich aus dem Bett, aber irgendwann machten wir uns dann in Generalrichtung Bahnhof auf, um die Tickets für den nächsten Tag zu kaufen und uns dem örtlichen historischen Nachlass (åxå: Gamla Uppsala) zu widmen. Auf dem Weg zum Bahnhof aßen wir dann noch zu “Mittag” (gepriesen sei sowieso die schwedische Mittagessenkultur, aber dazu später mehr).
Von der frohlockenden Beschreibung im vorher panikgekauften Reiseführer (“eine der größten und wichtigsten Grabanlage mit etwa 300 Erdhügeln aus dem 6. bis 12. Jahrhundert”) euphorisiert, machten wir uns auf, mit dem einzigen Hinweis, dass Gamla Uppsala irgendwo 4 km nordwestlich liege. Das Wetter war wunderbar schlecht (kalt & ein wenig Schnee), sodass ich froh war, meinen Schal mitgebracht zu haben. Auf dem Weg sahen wir viele langweilige schwedische Winzhäuser (wohl der sozialistische Traum vom Folkhem) und genügend ungenaue Hinweisschilder, um uns nicht komplett zu entmutigen.
Letztendlich landeten wir dann in einer Siedlung, durch die wir kreuz und quer zur Gamla Uppsala Skola gelangten, einem wenig beeindruckenden Gebäude von zweifelhafter Historizität. Kurz bevor wir aber unsere ganzhafte jugendliche Frustation an diesem Gebäude auslassen konnten, indem wir es einfach kurzerhand mitsamt eventuell enthaltener alter Kinder etc. niedergebrannt hätten, fiel uns ein weiteres Hinweisschild zum wahren Alt-Uppsala auf, welchem wir dann auch folgten.
Gamla Uppsala selbst bestand dann aus einem kleinen, netten Museum, dessen Wärme wir gerne in Anspruch nahmen, einigen größeren und kleineren Grabhügeln (deren Inhalt aber schon vor geraumer Zeit unter dem Mantel der Wissenschaft geplündert worden war) und einer der ältesten Kirchen Schwedens.
Nach einer kleinen Begehung der Ortschaften flüchteten wir uns zurück ins Museum, wo wir bei der (um ein weiteres beliebtes Schweden-Klischee ein für alle mal zu zerstören: nicht alle Schweden sind “oben gelb”) dunkelhaarigen Bedienung ein paar Ansichtskarten erwarben. Nach kurzer Inansichtnahme beschlossen wir aber, dass diese viel zu schön seien, um sie nach Deutschland zu versenden – nicht wissend, dass wir dadurch den Versand irgendwelcher Karten fast eine Woche verzögern würden.
Auch beim Rückweg waren wir uns für den Bus zu fein und wanderten den Erikleden entlang, der die Kirche in Gamla Uppsala mit der im richtigen verbindet.
Der Kultur für diesen Tag überdrüssig, gammelten wir noch an dem Bächlein, das Uppsala durchfließt, herum und beschlossen den Abend mit einem Kinobesuch, wo wir von der schwedischen Angewohnheit, ausländische Filme nur zu untertiteln, ausgiebigen Gebrauch machten. Der Armenier tauchte des Abends nicht mehr auf, so mussten wir auf schon bewährte Formen der Unterhaltung zurückgreifen. Für eine kurze Zeit wussten wir alles über Mountainbikes.
Dienstag: Odyssee I
Von der Keypad-nach-Gefühl-Dame mit dem freundlichen Hinweis, Daniel spräche für einen Amerikaner aber ein gutes Französisch, formvollendet verabschiedet, sprangen wir auf einen beliebigen Zug nach Linköping. Mit Kaffee und einem Sub ausgerüstet, wählten wir, auch unserer Rucksäcke halber, zwei “Notsitze” im Einstiegsbereich des Waggons, sodass wir unsere unterschiedlich langen Beine bequem ausstrecken konnten.
Der Zug war “relativ” voll, und, wie uns nach kürzester Zeit auffallen sollte, auch die Leute. Alle Passagiere, die an uns vorbeigingen, taten das nicht etwa, um unrasierte Deutsche zu begutachten oder uns gar ihre Reverenz zu erweisen, sondern ohne Ausnahme, um das nahegelegene Klo zu besuchen. Ein nicht endenwollender Strom von Menschen kam von überall her, um sich vor dem Klo angeregt die Beine in den Bauch zu stehen und dann, je nach Zusammensetzung, alleine, zu zweit oder zu dritt auf dem Klo zu verschwinden, mit einer Aufenthaltsdauer proportional zur Anzahl der Klobesucher.
Das alles wäre vielleicht gar nicht so lustig gewesen (was uns keineswegs davon abgehalten hätte, es lustig zu finden), wäre nicht den IKEA-Zugdesignern bei der Konzeption der Verbindungstüren zwischen den Abteilen ein fataler Usability-Fehler unterlaufen.
Die Türen verfügten zwar über einen gut sichtbaren Knopf zum Öffnen, nur war der leider gar nicht zum Drücken gemacht, sondern wurde von oben von einem Bewegungsmelder überwacht, der die Tür öffnen würde, sollte jemand den Knopf berühren wollen. Nun, vielleicht haben Schweden Finger, die von Bewegungsmeldern nicht bemerkt werden. Andererseits kam auch keiner auf die Idee, den Knopf ganz mit der Hand zu bedecken. Auf jeden Fall wurde der Knopf für uns während der Fahrt zu einem immerwährenden Quell der Heiternis. Alles und jeder scheiterte an der Tür, blickte sich, wählweise ärgerlich, ängstlich, schulterzuckend oder hilfesuchend um, während wir uns mühsam das Lachen verkniffen, um dann mit Gesten und guten Worten den Mechanismus zu erklären. Viele wären einfach still verhungert oder unverrichteter Dinge einfach umgekehrt und heimlich geplatzt. Aber auch der schönste Spaß geht einmal vorbei, und wir kamen wohlbehalten in Linköping an.
Von dort aus ging es dann weiter nach Mjölby, und von dort, nach einiger Konfusion über den örtlichen Bussverkehr (“Was? Wir müssen hier anderthalb Stunden warten?”) über Skänninge ins gelobte Vadstena. Auf dem Weg trafen wir dann auch tatsächlich den allerersten Schweden, der kein Englisch sprach – glücklicherweise waren meine Schwedischkenntnisse wieder so stark gedopt, dass auch das kein Hindernis mehr für uns war.
In Vadstena am Vättern angekommen, standen wir dann irgendwann recht verloren vor der Tür des Vandrarhems. Eine Telefonnummer verhieß bei Anruf Einlaß, und der freundliche Mensch am anderen Ende verriet uns den Türcode, dirigierte uns zu den Zimmerschlüsseln und wünschte uns einen guten Aufenthalt. Das Zimmer war fein und die Örtlichkeiten ansprechend, und so beschlossen wir den Tag mit einem kleinen Spaziergang durch Vadstena und einem reichhaltigen Abendessen in der Selbstversorgerküche.
Es fehlen:
- Mittwoch: Vadstena, oder: Das Kirchhellen Schwedens?
- Donnerstag: Odyssee II, oder: Das Axiom des Reisenden
- Freitag: Öland, oder: Gespenstische Leere im Ferienparadies
- Samstag: Kalmar, oder: Schweden, Schweden überall!
- Sonntag: Odyssee III, oder: Rückkehr in die Zivilisation
- Der ganze Rest: Stockholm.py, oder: So you do know Java after all?


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