I See Dead Code

… as sounding brass, or a tinkling cymbal.

I See Dead Code header image 2

Jedem Ende wohnt ein Schauder inne.

May 29th, 2007 · 1 Comment

Oft, viel zu oft wurde ich vom Ende eines Buches oder einer Reihe bitter enttäuscht, obwohl das Buch eigentlich stark angefangen hatte. Nehmen wir zum Beispiel Dan Simmons’ Hyperion-Reihe. Der erste Band („Hyperion”) mit der Schilderung der Herkunft der Pilger, einem schillernden Querschnitt durch ein ganzes Universum, gehört auch nach dem zweiten Mal Lesen noch zur unterhaltsamsten SciFi, die ich kenne. Der zweite Band hat zwar seine Längen, endet aber nicht windelweich, sondern mit einem knallharten Zerfall der Gesellschaft – alle, die meine Vorlieben für Dystopien und postapokalyptische Szenarien kennen, sollte es nicht überraschen, dass mir das gefällt. Auch der dritte Band enthält wieder faszinierende Schilderungen des Universums. Allein, der vierte Band gleitet vollkommen ins Fantasy-Reich, in eine furchtbare Beliebigkeit (die z.T. schon in Band 2 angedeutet wurde) ab, die mit SciFi nicht mehr viel zu tun. Ein unwürdiges Ende für eine großartige begonnene Reihe.

Stark anzufangen und ebenso nachzulassen scheint aber nicht nur ein Phänomen der Literatur zu sein, die ich zu konsumieren pflege, sondern ist auch oft in Computerspielen anzutreffen. Diese werden zum Ende hin oft sehr linear (Gothic II, Planescape Torment) oder megalomanisch (wieder Gothic II, Baldur’s Gate: TdB), wo sie am anfang non-linear und durchaus realistisch waren.

Es ist selten, dass mich ein Ende zu überzeugen weiß, seltener noch, dass das Ende „besser” ist als der Anfang. Daher war ich gestern Abend (bzw. Nacht) durchaus erfreut, als ich mich durch die letzten Seiten von Walter M. Millers Roman „A Canticle for Leibowitz” (Ein Lobgesang auf Leibowitz) fraß. Die Schilderung der Situation der menschlichen Gesellschaft auf der Erde, die ein weiteres Mal auf einen groß angelegten atomaren Schlagabtausch zuschlittert und aus den vorherigen Kriegen und dem darauf folgenden Zeitalter der geistigen Umnachtung nichts gelernt hat, war beeindruckend und bedrückend aus der Perspektive der Mönche geschildert, die das wenige überbleibende Wissen über die Zeitalter bewahrt hatten. Wenige Informationen, die auf offiziellen Kanälen preisgegeben wurden, dann ein erster Schlagabtausch im All, vergolten durch die Zerstörung einer Stadt und der darauf folgende Strom von Flüchtlingen und Verletzten. Dann, wie sollte es auch anders kommen, der nukleare Overkill, aber! Auf den letzten Seiten fühlte ich mich fatalst an „Nach der Bombe” von Philip K. Dick erinnert, ein ganz schwaches Buch. Allein aufgrund dieses Buches habe ich bisher nichts weiteres von Dick gelesen.

Das Bestreben, menschlichen Mutanten irgendwelche über- oder nebensinnliche Befähigungen zuzuschreiben hat mich dort schon furchtbar genervt. Miller begeht den gleichen Fehler, dabei war das Buch bis zu diesem Punkt gut lesbar, mit Humor geschrieben, aber nicht ohne Intelligenz und Anspruch. Die letzten zehn Seiten sind meiner Ansicht nach schlicht überflüssig.

Eine andere Frage, für einen anderen Tag: Was finden SciFi-Autoren an der katholischen Kirche? Mir fallen auf Anhieb drei Bücher ein, in der Kleriker oder die Kirche selbst eine Rolle spielen (s.o., die Hyperion-Bände von Simmons und Sperling von Mary Doria Russell), aber kaum welche, in der protestantische oder evangelikale Christen vorkommen – mir fällt nur der Eclipse-Zyklus von Shirley ein (Cyberpunk ist irgendwie tot…), „Left Behind” lasse ich nicht gelten.

Tags: books · lang:de · rant

1 response so far ↓

  • 1 Capreolus_dei // Jun 4, 2007 at 22:06

    Protetanten vs. Atheisten:
    Weil es “die Protestanten” eben nicht gibt, sind sie doch eine amorphe Masse ständiger sich aufspaltender und ineinander aufgehender eher kleiner Religionsgruppen – lose geeint (und gespalten!) durch die Bibel.
    Die Heilige Römische Kirche katholischer Nation oder so hat sich in den vergangenen Jahren jedoch _so_ wenig verändert, dass man auch als SciFi-Autor auch Themen der fernen Zukunft für diese Religion recht gut beschreiben kann, wenn man einfach vom Jetzt-Zustand ausgeht. In ihrer Unbeweglichkeit strahlt die Kirche natürlich auch einen Hauch ewiger Beständigkeit aus, sodass die Autoren einfach mal davon ausgehen können, dass es diese Religion noch recht lange geben wird.

Leave a Comment