Pears, Iain: An Instance of the Fingerpost
Es ist natürlich eine feine Ehre für ein Buch, mit Ecos „Der Name der Rose” verglichen zu werden, dieser Mischung aus Mittelalter-Krimi und zwecklos-fröhlicher scholastischer Diskussion. In meinem Fall aber führte dieser überbordende Vergleich eher dazu, dass ich das Buch sehr reserviert anfing und mich auf den ersten 300 Seiten dafür auch nicht begeistern konnte. Aber der Reihe nach.
Aufbau
Das Buch besteht aus vier Abschnitten, die jeweils die Sichtweise einer der an der Handlung beteiligten Personen beschreibt; so erlebt man die Schlüsselsequenzen der Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven. Das kann eine feine Idee sein (man denke nur an die „Trilogy of Error” der Simpons), ist aber allein noch kein Garant für Lesevergnügen; und noch viel weniger ein unbeschwertes. Oft genug habe ich mir gewünscht, an bestimmten Schlüsselstellen der Erzählungen kleine bunte Zettel hinterlassen zu haben, denn es lohnt sich oft nachzulesen, was genau gesagt bzw. nicht gesagt wurde.
Nein, nicht noch einmal Quicksilver!
Der eigentliche Grund dafür, dass mich die erste Erzählung so furchtbar lange gekostet hat, war die viel zu große Ähnlichkeit mit Neal Stephensons Quicksilver. Nicht das die Geschichten ähnlich gewesen wären (was war überhaupt die Geschichte von Quicksilver? Oder waren es einfach nur aneinandergereihte Worte, zur Unterstützung der papierverarbeitenden Industrie?), aber das Ambiente im England des 17. Jahrhunderts, mit den großen Personen der wissenschaftlichen Revolutionen zu dieser Zeit. Zwar sind diese nicht die gleichen, aber die geführten Diskussionen, der Übergang von abergläubisch inspirierter Gelehrsamkeit zur Naturphilosophie und die Missgunst zwischen den kontinentalen und englischen Gelehrten sind zu ähnlich, als dass ich den ersten Teil unbeschwert hätte genießen können.
Auch die eigentlich Erzählung kommt ohne größere Überraschungen daher. Zwar wird man das Gefühl nicht los, dass für den Mord die falsche Person überführt wurde, sicher ist man sich jedoch nicht. So kam es dann am Ende, dass ich mich gefragt habe, warum ich die ganze, doch recht unspektakuläre Geschichte noch dreimal durchlesen muss.
Stephenson, begone!
Die nächsten zwei Geschichten zertrümmern die erste Schilderung recht gründlich und man weiß nach der dritten Geschichte nicht mehr, was in den anderen Geschichten Lüge, was Unterlassung, was Falschinterpretation und was Einbildung war. Jeder Erzähler zeichnet völlig andere Bilder der beteiligten Person. Jede intentio auctoris ist für den Leser offensichtlich und jeder Erzähler ist auf seine Art und Weise leicht abstoßend: der ein wenig unbedarfte, aber ehrrührige italienische Gelehrte, der blasierte verarmte Aristokrat, der versucht die Ehre seines Vaters wiederherzustellen und der paranoide und xenophobe englische Mathematikprofessor, der in einem fort die Bibel zitiert.
Schlussendlich weiß man nur, dass jeder jeden als völlig unzurechnungsfähig hinstellt, als eklatanten Lügner oder als Irren. Eine Auflösung der Mysterien ist immer nur scheinbar in Sicht. Bei dem einfachen Mord bleibt es natürlich nicht, es darf hemmungslos auf Staatsebene intrigiert werden.
Die wirklich wahrste Wahrheit…
… wird natürlich im letzten Teil präsentiert. Viele der Vermutungen, die der aufmerksame Leser vorher nur hegen konnte, werden bestätigt. Verschwörungen haben natürlich den Hang dazu, immer noch eine Ebene höher angesiedelt zu werden, mit einer noch geheimeren, gefährlichen Wahrheit, die in weniger gefährliche Lügen gekleidet werden musste. Der Mord wird dabei verständlicherweise zur Nebensache, dafür dringt wörtlich zu nehmende messianische Charakter einer der Personen in den Vordergrund, was eine starke religiöse Note in ein ansonsten recht rationales Werk bringt.
Insgesamt
Durchaus empfehlenswert, wenn auch teilweise mit Längen. Durch den ersten Teil sollte man sich durchbeißen, danach wird es interessant und unterhaltsam, manchmal lernt man sogar noch etwas englische Geschichte dabei. Für die ersten zwei Drittel habe ich drei Wochen gebraucht, für das letzte einen Tag.


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