Es war fast ein glücklicher Zufall, dass mir fast pünktlich zum Filmstart von Persepolis noch einmal ein ausreichend großer Batzen freier Zeit vom Schicksal in den Schoß gelegt wurde, sodass ich kurz vorher noch einmal die beiden Comics lesen konnte. Dermaßen vorbereitet habe ich mir den Film angesehen, der mich im ersten Drittel stark enttäuscht, danach aber durch souveräne Verarbeitung des doch eher unpolitischen Rests wieder versöhnt hat.
Die Politik
Ganz klar, will man die paar hundert Seiten Persepolis auf 96 Minuten trimmen, fällt die eine oder andere Sachen dem Rasierer zum Opfer. Warum aber gerade am politischen Teil der Reihe, nämlich dem Teil vor dem ersten Europa-Aufenthalt, so krass gespart werden muss, ist mir nicht klar geworden. Die Hintergründe der Revolution werden zwar erläutert, aber warum aus einer gesamtgesellschaftlichen Revolution plötzlich ein (bzw. der) islamistische Staat entsteht, wird nicht ganz klar. Viele Entwicklungen im Film wirken stark episodenhaft und es fehlt an Kohärenz zwischen den einzelnen Geschichten. Am stärksten ist mir noch die generelle Beißhemmung gegenüber dem islamistischen Staat an sich aufgefallen – mein Eindruck war, dass die Kritik im Buch sehr viel deutlicher war. Im Film dagegen ist der Fokus mehr auf den Entgleisungen einzelner. Trotzdem kann man den ersten Teil mit Gewinn sehen und noch etwas über die Geschichte des Iran lernen.
„Spätpubertäre Nabelschau”
Intensiver, persönlicher, aber auch lustiger wird der Film ab der Zeit der Autorin in Wien. Viele der gelungenen visuellen und sprachlichen Witze aus dem Buch werden souverän auf die Leinwand übertragen, aber der Film wird auch um einige Sequenzen bereichert, die so nicht im Buch waren, und in einem Comic wohl auch nicht funktioniert hätten. So z. B. der running gag mit dem Hündchen ihrer Vermieterin, oder die Rückschau auf die gescheiterte Beziehung. Sehr gut gelungen ist generell auch der Einsatz von Musik, und ein aufmerksames Sehen des Filmes liefert interessante Aufschlüsse über die grundlegenden Unterschiede zwischen den Mechanismen von Comics und Zeichentrickfilmen.
Auch werden einige Andeutungen an Geschehnisse gemacht, die sich so (meiner Erinnerung nach) nicht im Buch befanden. Was den Film aber in diesem Teil von den „spätpubertären Nabelschau”en, wie die anderen autobiographischen Comics im Klappentext der gebundenen Ausgabe genannt werden (und den die SZ-Autorin in, wie ich unterstelle, überzeugter Ignoranz der Fakten gerne ohne Quellenangabe zitiert.), sei dahingestellt.
Eindrücke
Sehr interessant sind, wie gesagt, die Unterschiede zwischen Verfilmung und Vorlage. Während das Buch zum Beispiel völlig mit Schwarz für alle Lagen auskommt, sind die Hintergründe im Film in einem… verwaschenen? verschmierten? Grau gehalten. Dazu sind sie noch komplett statisch, was insgesamt nicht sonderlich inspiriert wirkt. Natürlich kann Schwarz auf der Leinwand nicht so gut funktionieren wie im Buch, und das eine Änderung daher notwendig war, ist selbstverständlich. Allein die Ausführung lässt doch zu wünschen übrig.
Wie schon von anderen Autoren über den Unterschied zwischen Kino und Computerspielen bemerkt (den Artikel würde ich vielleicht sogar finden, wenn ich lange genug suchen würde), ist es für Filmemacher viel einfacher, die Emotionen des Publikums zu manipulieren. Die Szene, in der Marji nach zwei Monaten Leben auf der Straße zum ersten Mal mit ihren Eltern telefoniert, gerät im Kino sehr viel emotionaler als im Buch und ging mir zumindest sehr viel näher. Allerdings war das die einzige Stelle, wo mir so etwas aufgefallen ist.
Für aufmerksame Zuschauer hatte der Film auch einige wenig sichtbare visuelle Spielereien, was im Buch schon durch die Form (kleines Format, nur Schwarz/Weiß) kaum möglich war. So sieht man zum Beispiel bei der Jodelsequenz im Hintergrund ein Schattenmännchen den Arm zum Hitlergruß heben. Mein persönlicher Favorit allerdings ist die Szene, in der zu den ungefähren Worten „Wir waren eins” Marji den Rauch des ausatmet, den ihr Freund gerade eingesogen hat.
Fazit
Insgesamt ein sehenswerter Film, und Kenntnis beider Formen des Werkes erweist sich als sehr lohnenswert. Auch wenn man die besten Witze des Comics im Film schon vorhersehen kann, ist man trotzdem amüsiert. Einziger Wermutstropfen: Das schöne Bild mit dem Passfälscher im schwedischen Exil fehlt.


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