Gern schwelgt der Mensch in hypothetischen Fragen und ergeht sich in mehr oder weniger tiefsinnigen Betrachtungen der Welt und wie sie nicht ist. Was wäre, wenn Hitler noch lebte1, was, wenn alle Menschen plötzlich weg sind2, was, wenn die Sonne sich nicht um die Erde dreht.
Der Drang zur Konjektur, zur Hypothese hat uns viele Werke beschert, manchmal zum tieferen Verständnis, manchmal einfach nur, um Mitmenschen zu erheitern. Manche Fragen sind belanglos – aber ist es nicht gerade das Wesen der scheinbar harmlosen Fragen, dass Millionen angry Internet men sich darüber aufregen können?
Eine dieser Fragen geisterte also nunmehr geraumer Zeit durch den Diskurs: „Was, wenn Bethesda Softworks ein Fallout-Spiel machen würde?”
Im Gegensatz zu vielen anderen Spiele-Entwicklern hat sich Bethesda nicht dazu durchringen können, nach seinem größten Erfolg3 Morrowind einfach still zu sterben, wie es Brauch ist (Ion Storm, Black Isle), oder seinen alten Meisterwerken erstmal keine Konkurrenz machen zu wollen (Bioware). Nein. Erst wollen sie ein besseres Spiel machen (Oblivion), und jetzt wollen sie ein Spiel machen, dass nicht nur noch besser ist als Oblivion, sondern sich auch en passant in eine Reihe von Klassikern einordnet. Aber Hybris wird eben auch heute noch von den Göttern bestraft. Nebst eben schon genannten Massen anonymer „Oblivion with Guns”-Schreiern waren auch ein Designer von Fallout nicht nur erbaut.
Was, aber ist nun aus Fallout 3 geworden? Nebst unakzeptablen konfigurationsabhängigen Instabilitäten4 und der Tatsache, dass entgegen den Versprechungen doch SecuROM 7 eingesetzt wird, eben das, was zu erwarten war: ein Bethesda-Spiel.
Natürlich verwendet Fallout 3 das S.P.E.C.I.A.L.-System und basiert auf Erfahrungspunkten, entgegen dem learning by doing5 der Elder-Scrolls-Spiele. Aber davon ab ist es unverkennbar. Die offene, komplett begehbare Welt mit vielen Erkundungsmöglichkeiten und versteckten Orten, die Unmengen an mehr oder weniger nützlichem Krempel, die Möglichkeit, ein eigenes Haus zu haben, die Minispiele fürs Knacken von Schlössern. Der Fokus liegt eindeutig auf Erkundung und Erfüllung (bzw. überhaupt Entdeckung) der vielen Nebenaufgaben, nicht so sehr auf der Geschichte des Hauptquests. Und das bekommt das Spiel außerordentlich gut hin.
Dazu kommt das Kampfsystem, das nicht rundenbasiert ist. Allein schon diese Entscheidung hat Fallout 3 von Anfang an für alle „echten” Fans wohl unmöglich gemacht. Mir scheint aber, dass Bethesda in seinen Spielen zum Realismus strebt. Eben eine Weltsimulation, in der man eine Rolle spielen kann – im Sinne der Rogue-Spiele, nicht im Sinne einer geschriebenen Geschichte, deren Stationen man abhakt, und die normalerweise etwas mit der Rettung der Welt zu tun hat. Ein rundenbasierter Kampf verträgt sich nicht mit dem Anspruch an Realismus. Schließlich wartet man auch sonst nicht höflich, während eine mutierte Ameise sind heranmacht, einem das Fleisch von den Knochen zu nagen, nur weil man gerade nicht am Zug ist. Das V.A.T.S.-Konzept, Kämpfe in Echtzeit, aber mit Pausen- und Planfunktion (vereinfacht gesagt) hat sich schon in vielen anderen Rollenspielen erwiesen, und macht auch hier Sinn. Ich muss sagen, dass ich beim Ansehen von Video-Demos von V.A.T.S. befürchtet habe, dass Kämpfe auf Dauer zu langwierig sind. Bisher hat sich das aber nicht bestätigt, und ein komplett rundenbasierter Kampf spielt sich dann doch noch zäher ab, schließlich muss man hier nicht den Zug des Gegners abwarten.
Natürlich produziert gerade der Anspruch, eben eine Welt zu simulieren, sehr komische Effekte. Entfernungen müssen immer größer scheinen, da man schließlich nicht eine allzu große Welt simulieren kann. Die Dichte an „Dungeons” macht in den Ruinen einer Großstadt aber durchaus Sinn, schließlich sind moderne Städe nunmal komplett von Kanalisationen, U-Bahnen und sonstigem untertunnelt. Gerne durchstreift man das Gelände, wobei man sich wünschen würde, dass sich die Umwelt etwas weniger aggressiv verhält. So bleibt einem keine Wahl außer dem Schnellreise per Karte, wenn man mehreren Scharmützeln mit wilden Tieren oder Raidern entgehen will.
Bei diesem, wie auch anderen Spielen von Bethesda, habe ich das gleiche Gefühl, das Gefühl von großem Potenzial. Aber vielleicht wird es bei Fallout 3 so kommen wie bei den anderen Spielen, nämlich dass die Mod-Community das Spiel komplettiert. Natürlich wird es einige geben, die versuchen werden, mit der Engine Van Buren nachzubauen oder das Kampfsystem rundenbasiert zu machen – aber das braucht es gar nicht. Ein paar Tupfer hier und da, eine Anpassung des Schwierigkeitsgrades, weniger aggressive Tiere. Dazu noch ein paar Patches von Bethesda, um die Stabilitätsprobleme in den Griff zu kriegen, und fertig ist die Welt, in der man die Frage, was wäre wenn die Apokalypse schon passiert ist, beantworten kann.


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